Nach der Sekundarschule führen drei ernsthafte Wege weiter: das Kurzgymnasium, die Fachmittelschule (FMS) und die Berufslehre. Rund zwei Drittel eines Zürcher Sek-Jahrgangs starten in eine Lehre — sie ist damit der mit Abstand häufigste, aber in der Beratung oft am unstrukturiertesten besprochene Weg.
Das liegt nicht an der Lehre selbst, sondern an der Suche. Während die ZAP einen klaren Termin und ein klares Reglement hat, ist die Lehrstellen-Suche ein Marathon über zwei Schuljahre, mit Schnupperlehren, Bewerbungen, Eignungstests und sehr realen Absagen. Dieser Beitrag zeigt, wie der Prozess im Kanton Zürich tatsächlich abläuft, wann Sie was tun sollten und welche Auffangnetze es gibt, falls bis zum Sommer der 3. Sek noch kein Lehrvertrag unterschrieben ist.
Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Lehrstellen-Suche aus der Sekundarschule. Für die akademische Alternative — Kurzgymnasium nach der 2. oder 3. Sek — folgt ein eigener Beitrag zur ZAP 2.
Die wichtigsten Etappen im Überblick
Die meisten 3- und 4-jährigen Lehren beginnen im August nach der 3. Sek. Bewerbungsschluss ist je nach Branche zwischen Herbst der 3. Sek (Banken, Versicherungen, Pharma, KV bei grossen Arbeitgebern) und Frühling der 3. Sek (viele Gewerbe- und Handwerksberufe). Das heisst: Wer im Sommer der 3. Sek erst anfängt, ist zu spät dran.
| Zeitraum | Was ansteht |
|---|---|
| 1. Sek | Erste Berufsorientierung im Schulunterricht, Berufswahltagebuch |
| Anfang 2. Sek | Berufserkundungstage, Besuch im BIZ, erste Schnuppertage |
| Frühling 2. Sek | Multi-Check / Stellwerk-Check, Bewerbungsdossier vorbereiten |
| Sommer / Herbst 2. Sek | Gezielte Schnupperlehren bei Wunschberufen, erste Bewerbungen verschicken |
| Herbst 2. Sek bis Frühling 3. Sek | Aktive Bewerbungsphase, Lehrvertragsabschlüsse |
| Sommer 3. Sek | Lehrbeginn — oder Plan B (Brückenangebot, 10. Schuljahr, Motivationssemester) |
Branchen mit grossem Andrang vergeben ihre Lehrstellen früh. Eine KV-Lehre bei einer Grossbank ist häufig schon im Oktober der 2. Sek vergeben, ein Lehrvertrag im Bauhauptgewerbe oft erst im April der 3. Sek. Die Faustregel: Je akademischer und bürolastiger der Beruf, desto früher der Bewerbungsschluss.
Was ist eine Lehre überhaupt
Die Berufslehre ist das Herzstück des dualen Bildungssystems. Drei oder vier Tage pro Woche arbeitet die Lernende oder der Lernende im Lehrbetrieb, ein bis zwei Tage besucht sie oder er die Berufsfachschule. Dazu kommen die überbetrieblichen Kurse (üK) in der Branche.
Es gibt zwei Abschluss-Stufen. Die dreijährige oder vierjährige Lehre führt zum Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) — der Standardabschluss, mit dem rund 250 Berufe geregelt sind. Die zweijährige Lehre führt zum Eidgenössischen Berufsattest (EBA), gedacht für eher praktisch orientierte Jugendliche. EBA und EFZ sind keine Sackgassen: Wer das EBA in der Tasche hat, kann in vielen Berufen direkt ins zweite Lehrjahr einer EFZ-Lehre umsteigen.
Lernende erhalten vom ersten Tag an einen Lehrlohn. Die Bandbreiten unterscheiden sich stark nach Branche, liegen aber typisch bei rund CHF 600–900 im 1. Lehrjahr und steigern sich pro Jahr. Bauhauptgewerbe und Industrie zahlen tendenziell höher, soziale Berufe und Gastronomie tendenziell tiefer. Der Lehrvertrag wird vom kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) des Kantons Zürich genehmigt.
Den richtigen Beruf finden
Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Mit 13 oder 14 weiss kaum jemand, was sie oder er einmal werden will. Die Berufswahl ist ein Such- und Eliminationsprozess, kein Geistesblitz.
Drei Werkzeuge helfen besonders.
Das BIZ — das Berufsinformationszentrum. Im Kanton Zürich gibt es BIZ-Standorte unter anderem in Zürich-Oerlikon, Winterthur, Uster, Horgen, Hinwil und Dübendorf. Der Besuch ist kostenlos. Vor Ort finden Jugendliche Berufsbeschreibungen, Filme, Lehrstellenverzeichnisse und vor allem Berufsberaterinnen und Berufsberater, die mit den Jugendlichen ein- oder mehrmalig im Gespräch herausarbeiten, welche Richtungen passen könnten. Eine kostenlose Berufsberatung ist im Kanton Zürich für alle Jugendlichen bis 20 Jahre verfügbar.
Berufsinteressentests. Online-Tests (zum Beispiel auf berufsberatung.ch) liefern erste Anhaltspunkte. Sie ersetzen kein Gespräch, eignen sich aber gut, um aus 250 Berufen eine engere Auswahl von 8–15 zu machen.
Die Schnupperlehre — das mit Abstand wichtigste Werkzeug. Eine Schnupperlehre dauert in der Regel zwei bis fünf Tage. Die Jugendliche oder der Jugendliche arbeitet im Betrieb mit, lernt das Berufsbild von innen kennen und bekommt am Ende einen kurzen schriftlichen Bericht. Drei bis sechs Schnupperlehren sind im Verlauf der 2. Sek realistisch — gerne in unterschiedlichen Branchen, um zu vergleichen. Wichtig: Höflich anfragen (E-Mail oder Telefon), pünktlich erscheinen, Fragen vorbereiten, danach handschriftlich bedanken. Eine gute Schnupperlehre ist oft der erste Schritt zu einer späteren Bewerbung beim selben Betrieb.
Das Bewerbungsverfahren
Ein vollständiges Bewerbungsdossier im Kanton Zürich enthält in der Regel:
- Motivationsschreiben (eine Seite, betriebsspezifisch)
- Lebenslauf mit Foto
- Zeugnisse der 2. Sek (beide Semester)
- Schnupperberichte vom Betrieb
- Multi-Check oder Stellwerk-Check (wo verlangt)
- Allenfalls Empfehlungsschreiben aus Vereinen oder Schnupperlehren
Wie viele Bewerbungen sind realistisch? Das hängt stark vom Beruf ab. Für stark nachgefragte KV-Lehren bei Banken oder im Pharma-Bereich sind 15–30 Bewerbungen keine Seltenheit, bevor eine Zusage kommt. In Bauberufen, im Gastgewerbe oder in der Pflege reichen oft 3–8 gezielte Bewerbungen. Streuen ohne Plan ist selten produktiv — die Betriebe merken es.
Zur Form: Das Foto ist im deutschsprachigen Raum üblich, sollte aber neutral und professionell sein (kein Selfie, kein Ferienfoto). Sprache und Rechtschreibung müssen sitzen — die Lehrperson oder eine Vertrauensperson sollte gegenlesen. Eine seriöse E-Mail-Adresse (Vorname.Nachname statt Spitzname) und eine professionelle Combox-Ansage gehören ebenfalls dazu.
Multi-Check, Stellwerk und Basic-Check
Viele Zürcher Lehrbetriebe verlangen einen standardisierten Eignungstest. Drei Verfahren sind verbreitet.
Stellwerk-Check. Wird in den meisten Zürcher Sekundarschulen in der 8. Klasse (2. Sek) und teils nochmals in der 9. Klasse (3. Sek) durch die Schule durchgeführt. Geprüft werden Mathematik, Deutsch, Französisch, Englisch und Naturwissenschaften. Der Stellwerk-Check ist kostenlos, das Resultat fliesst in den weiteren Berufswahlprozess ein und wird oft zusammen mit dem Bewerbungsdossier verschickt.
Multicheck. Privater, kostenpflichtiger Eignungstest (rund CHF 100), den Jugendliche selbständig in einem Testzentrum buchen. Es gibt branchenspezifische Varianten (Multicheck Junior für KV, Technik, Gesundheit/Soziales etc.). Viele Banken, Versicherungen und KV-Grossbetriebe verlangen einen Multicheck im Bewerbungsdossier.
Basic-Check. Konkurrenzprodukt zum Multicheck, ebenfalls kostenpflichtig (rund CHF 100), in einigen Branchen — vor allem im Gewerbe — etwas verbreiteter.
Welcher Test passt, hängt vom Wunschberuf ab. Schauen Sie früh in den Stellenausschreibungen nach, was verlangt wird, und planen Sie den Test in den Frühling der 2. Sek. Vorbereitungsmaterial gibt es bei den Anbietern selbst und in den Aufgabensammlungen, die viele Sekundarschulen bereitstellen.
BMS während oder nach der Lehre
Die Berufsmaturitätsschule (BMS) ergänzt die Lehre um eine schulische Komponente und öffnet den direkten Zugang zur Fachhochschule. Wer später an die Universität oder ETH will, kann nach der BMS die einjährige Passerelle anhängen.
Es gibt zwei Modelle:
BM1 — lehrbegleitend. Während der Lehre besucht die Lernende oder der Lernende einen zusätzlichen Schultag pro Woche an einer Berufsmaturitätsschule. BM1 verlangt eine Aufnahmeprüfung oder einen sehr guten Notenschnitt aus der Sek; die Anmeldung läuft typischerweise parallel zur Lehrstellenbewerbung. Vorteil: kein Zeitverlust, Matura zusammen mit dem EFZ. Nachteil: hohe Belastung über drei oder vier Jahre.
BM2 — nach dem EFZ. Ein- bis zweijähriger Lehrgang nach Lehrabschluss, entweder Vollzeit (typisch 1 Jahr) oder berufsbegleitend (typisch 1,5–2 Jahre). Vorteil: Lehrzeit und Schule sind entkoppelt, die Belastung ist tragbarer, die Erfolgsquote höher. Nachteil: ein zusätzliches Jahr Ausbildungszeit.
Im Kanton Zürich sind die wichtigsten BMS-Standorte die KV Zürich Business School, die Technische Berufsschule Zürich (TBZ), das Bildungszentrum Zürichsee (BZZ) sowie das private Institut Minerva. Die BMS ist an den öffentlichen Schulen kostenlos.
Wenn bis Frühling 3. Sek keine Lehrstelle gefunden ist
Es ist nicht selten und kein Drama, wenn im April oder Mai der 3. Sek noch kein Vertrag steht. Der Kanton Zürich hält ein engmaschiges Netz an Auffangangeboten bereit, die Brückenangebote heissen.
Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) / Berufsvorbereitungsschule (BVS). Ein Jahr schulischer und berufspraktischer Unterricht, kantonal organisiert. Es gibt Varianten mit Schwerpunkt Praxis (BVJ Praxis), Schwerpunkt Sprache (BVJ Integration für fremdsprachige Jugendliche) und vorgelagerte Schulvarianten mit Schwerpunkt Werkstatt oder Gestaltung. Anmeldung läuft über die Sekundarschule und das MBA. Plätze sind kostenlos für Zürcher Wohnsitz.
Motivationssemester (SEMO). Ein halbjähriges bis einjähriges Programm, finanziert über die Arbeitslosenversicherung, für Jugendliche ohne Anschlusslösung. Kombiniert Praxiseinsätze, Bewerbungscoaching und Schulanteile. Anmeldung über das RAV.
10. Schuljahr. Privat angebotene und einzelne öffentliche Programme, die ein zusätzliches Schuljahr in einem Klassenverband anbieten — oft mit klarem Fokus auf Lehrstellensuche, Sprachstärkung oder Fachoberstufe für die FMS-Vorbereitung. Privatangebote kosten zwischen rund CHF 10 000 und CHF 25 000 pro Jahr.
Erneute Bewerbungsrunde im Sommer. Ein Teil der Lehrstellen wird kurzfristig vergeben, weil andere Lehrverträge platzen oder Betriebe spät planen. Wer im Juni oder Juli noch ohne Vertrag ist, sollte täglich auf yousty.ch und im Lehrstellennachweis (LENA) des Kantons schauen — dort tauchen Restplätze zum Teil bis im August auf.
Häufige Fragen
Muss mein Kind im Lehrbetrieb wohnen? In aller Regel nein. Die meisten Lernenden im Kanton Zürich pendeln mit dem ÖV. Bei einigen Berufen mit weit entferntem Lehrbetrieb (Forstwart, Landwirt, Hotellerie in Bergregionen) ist eine Wohnsituation am Lehrort die Regel — das wird im Lehrvertrag geregelt.
Was, wenn die Lehre abgebrochen wird? Lehrvertragsauflösungen sind häufiger, als man denkt: das Bundesamt für Statistik weist eine schweizweite Auflösungsquote von rund 25 Prozent aus, also rund jedem vierten Lehrvertrag. Wichtig zu wissen: Eine Auflösung ist kein Lehrabbruch im engeren Sinn. Rund vier von fünf Jugendlichen mit Vertragsauflösung schliessen anschliessend einen neuen Lehrvertrag ab — im selben Beruf bei einem anderen Betrieb, in einem verwandten Beruf, oder in einer Reduktion vom EFZ aufs EBA. Die kantonale Lehraufsicht und die Berufsberatung begleiten den Übergang.
Lohnt sich BMS für mein Kind? Wenn die schulischen Leistungen in der Sek solide sind und es eine spätere Hochschuloption offen halten will, fast immer ja. BM2 nach dem EFZ ist die für die meisten machbarere Variante. BM1 lohnt sich vor allem, wenn das Kind klar leistungsstark und belastbar ist und der Lehrbetrieb die zusätzliche Schulzeit unterstützt — das ist im Lehrvertrag mitzudenken.
Wann das erste Schnuppern? Die ersten Berufserkundungstage sind im Kanton Zürich meist in der 2. Sek als Schulanlass organisiert. Ein freiwilliges, kürzeres Schnuppern (1–2 Tage) ist auch in der 1. Sek möglich, gerne in den Ferien. Vor der 2. Sek ist es selten zielführend — die Jugendlichen sind noch zu wenig orientiert.
Wie umgehen mit Absagen? Absagen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Wichtig: nicht persönlich nehmen, kurz nachfragen, ob der Betrieb Hinweise zur Bewerbung geben kann, und das Dossier auf Basis dieser Rückmeldung schärfen. Ein gutes Bewerbungscoaching im BIZ oder über die Schule hilft.
Fazit
Die Lehrstellen-Suche im Kanton Zürich ist gut planbar, wenn sie früh genug beginnt. Wer in der 2. Sek mit Berufserkundung, Schnupperlehren und Eignungstest startet, hat im Herbst der 3. Sek meist einen Vertrag in der Tasche. Und wer ihn dann noch nicht hat, findet in den Brückenangeboten ein verlässliches Auffangnetz.
Im Schulpfad Pathway Map sehen Sie alle Wege durchs Zürcher Bildungssystem im Überblick — von der Lehre über die BMS bis zur Passerelle, mit Terminen, BMS-Anbietern und Vergleichsfunktion für die Schulen, die zu Ihrem Kind passen könnten.
Quellen: berufsberatung.ch (SDBB), berufsberatung.zh.ch (Amt für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich), zh.ch/de/bildung (Mittelschul- und Berufsbildungsamt), sbfi.admin.ch (BMS-Verordnung), yousty.ch, eigene Recherche der Schulpfad-Redaktion. Stand: April 2026.